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Großer Zapfenstreich: Was drei Lieder über Olaf Scholz verrieten

Großer Zapfenstreich: Was drei Lieder über Olaf Scholz verrieten

Es gibt Momente im Leben eines Politikers, in denen alle Inszenierung aufhört. Am 5. Mai 2025, einem klaren Maiabend mit zehn Grad und Sternenhimmel über dem Berliner Bendlerblock, erlebte Olaf Scholz einen solchen Moment. Der Große Zapfenstreich, mit dem die Bundeswehr ihn aus dem Amt verabschiedete, war mehr als Zeremoniell — er war der seltenste Auftritt in dreieinhalb Jahren Kanzlerschaft: einer ohne Drehbuch, ohne Pressesprecher-Filter, ohne die hanseatische Schutzschicht des Scholz-o-maten.

Wenn Fackeln und Fanfaren die Bühne bereiten

Das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr geht auf das 19. Jahrhundert zurück. In seiner heutigen Form wurde der Große Zapfenstreich erstmals am 12. Mai 1838 in Berlin aufgeführt — als Abschluss eines Konzertes zu Ehren des russischen Zaren. Seitdem hat das Ritual seinen Charakter behalten: Es ist feierlich, es ist preußisch korrekt, und es gibt dem Geehrten genau eine persönliche Freiheit — die Wahl von drei Musikstücken.

Diese drei Stücke sind das Fenster, durch das das Publikum für wenige Minuten ungehindert auf die Person hinter dem Amt blicken darf. Und im Fall von Olaf Scholz war dieses Fenster überraschend weit geöffnet.

Rund 750 geladene Gäste aus Politik und Gesellschaft versammelten sich auf dem Paradeplatz des Verteidigungsministeriums, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Bundesratspräsidentin Anke Rehlinger — und Friedrich Merz, der designierte Nachfolger, der am folgenden Tag zum zehnten Bundeskanzler gewählt werden sollte. Etwa 300 Soldatinnen und Soldaten des Wachbataillons und des Stabsmusikkorps unter Leitung von Oberstleutnant Reinhard Kiauka gestalteten die Zeremonie. Die ARD übertrug sie live.

Die Rede, die Pistorius vor Scholz hielt

Bevor die Musik erklang, sprach Verteidigungsminister Boris Pistorius. Es war eine Rede zwischen Loyalität und Leistungsschau — die Abschiedsrede eines Parteifreundes, dem es sichtlich ernst war. Pistorius nannte Scholz den „Bundeskanzler der Zeitenwende” und erinnerte daran, dass die Rede vom 27. Februar 2022, drei Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, einen Paradigmenwechsel in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik markiert hatte. Das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr, das Scholz damals ankündigte, sei der Grundstein für eine leistungsfähigere Truppe gewesen.

„Wir verabschieden uns heute von einem Staatsmann, der unser Land in stürmischen Zeiten mit Entschlossenheit, Klugheit und Besonnenheit geführt hat”, sagte Pistorius. Er dankte Scholz persönlich und im Namen der gesamten Bundeswehr — mit einem schlichten, aufrichtigen „Olaf, vielen Dank für alles, was Du für uns und dieses Land getan hast.”

Was Pistorius nicht aussprach, aber zwischen den Zeilen stand: Scholz hatte Russlands Angriffskrieg nicht herbeigerufen. Er hatte die zerstrittene Ampelkoalition nicht absichtlich gesprengt. Er hatte die Inflation nicht gewollt. Und dennoch war es unter seiner Kanzlerschaft gewesen, dass alle drei Krisen gleichzeitig auf Deutschland einprasselten.

Drei Lieder, ein Selbstporträt

Dann spielte das Stabsmusikkorps. Und hier beginnt das, was keiner der Berichte über diesen Abend wirklich in den Mittelpunkt gestellt hat: nicht das Was der Musikwahl, sondern das Warum dahinter — und was diese Kombination über einen Mann verrät, der jahrelang als unlesbar galt.

„In My Life” von den Beatles eröffnete die Serenade. Das Lied, 1965 auf dem Album Rubber Soul erschienen, ist eine sentimentale Bestandsaufnahme: Orte, Gesichter, Erinnerungen — und die Erkenntnis, dass trotz allem die Liebe bleibt. Ein sehnsüchtiger Rückblick, aber kein bitterer. Scholz, Jahrgang 1958, dürfte diesen Song in seiner Jugend gehört haben. Öffentlich hatte er sich bislang kaum zu musikalischen Vorlieben geäußert — lediglich, dass er am liebsten Jazz höre, hatte er einmal erwähnt. Diese Beatles-Wahl war also ein kleines Geständnis: Ich bin sentimental. Ich erinnere mich. Und trotzdem lasse ich los.

Das Zweite Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach folgte als zweite Wahl. Die Verbindung zu Scholz’ Wahlheimat Potsdam liegt nahe — sein Direktwahlkreis, das einzige sozialdemokratische Direktmandat in einem ostdeutschen Flächenland bei der letzten Bundestagswahl, liegt im Umland. Aber Bach hatte bei der Uraufführung seiner Brandenburgischen Konzerte 1721 dem Markgrafen eine bemerkenswerte Widmung mitgegeben: Er bat demütigst darum, über die „Unvollkommenheit” seines Werkes hinwegzusehen und stattdessen „den tiefen Respekt und den ehrerbietigen Gehorsam” anzuerkennen, den er damit ausdrücken wolle. Ob Scholz diesen Subtext kannte und bewusst wählte, bleibt offen. Als Chiffre für leise Selbstkritik wäre er jedenfalls bemerkenswert gewesen.

„Respect” von Aretha Franklin beschloss die Serenade — und dieser dritte Song war der lauteste politische Kommentar des Abends. 1967 sang Franklin das Stück zu einer Bürgerrechts-Hymne um. Otis Reddings Original, das ein Mann an seine Frau richtet, wurde in Franklins Fassung zur Forderung strukturell Benachteiligter an eine Gesellschaft, die ihnen nicht zuhört. Das Wort „Respekt” war Scholz’ Wahlkampfmotto gewesen — 2021 erfolgreich, 2025 weniger. Dass er nun, im Moment des Abschieds, mit dieser Melodie verabschiedet werden wollte, lässt beide Lesarten zu: Fordert er Respekt — oder zollt er ihn? Vermutlich beides.

Scholz’ letzte Rede als Kanzler

Nach der Musik sprach Scholz selbst. Er sprach, wie er immer gesprochen hatte: gemessen, norddeutsch, ohne große Geste. Aber diesmal klang es anders. Die Kamera zeigte einen sichtlich gerührten Bundeskanzler.

Er nannte seinen Dienst als Bundeskanzler „die Ehre meines Lebens” und gestand, dass er Dinge, die man einem Norddeutschen nicht immer im Gesicht ablesen könne, eben trotzdem empfinde. Es war der direkteste Satz, den Scholz in dreieinhalb Jahren über seine eigene Emotionalität gesagt hatte.

Bemerkenswert auch sein Umgang mit dem designierten Nachfolger: Merz war der einzige namentlich Genannte neben Pistorius in seiner Rede — aber Scholz sprach ihn als „sehr geehrter Herr Merz” an, nicht als Friedrich. Die kleine Distanz, die der scheidende Kanzler damit markierte, war kein Zufall. Die Enttäuschung über eine Oppositionszeit, in der Merz selten auf ihn zugekommen war, lebte offenbar noch fort.

Den demokratischen Machtwechsel würdigte Scholz als „Ausdruck demokratischer Normalität”. Dass ein solcher Wechsel so zivilisiert ablaufe, sei „in diesen Zeiten keineswegs selbstverständlich” — ein ruhiger, aber deutlicher Seitenhieb auf die politische Lage anderer Länder.

Am Ende verbeugte er sich vor dem Publikum, zweimal. Der Applaus war lang und herzlich. Dann stieg er mit seiner Frau Britta Ernst in die wartende Limousine.

Was bleibt vom „Kanzler der Zeitenwende”

Der Große Zapfenstreich ist auch ein Instrument der historischen Einordnung. Was Pistorius an diesem Abend als bleibende Leistung formulierte, war im Kern präzise: Scholz hatte mit dem Begriff „Zeitenwende” ein neues politisches Vokabular geschaffen, das über Deutschland hinaus Wirkung zeigte. Er hatte das Sondervermögen für die Bundeswehr durchgesetzt. Er hatte Ukraine-Hilfe koordiniert, auch wenn er dabei immer wieder als zu zögerlich kritisiert wurde.

Was nicht in der Festrede vorkam: der Vertrauensbruch mit Christian Lindner, das Ende der Ampelkoalition, die Wahlniederlage im Februar 2025. Zapfenstreich-Reden sind keine Abschlussberichte — sie sind Würdigungen. Und als solche erfüllten sowohl Pistorius’ Worte als auch Scholz’ eigene Rede ihren Zweck mit Würde.

Die historische Einordnung, wieviel von der Zeitenwende unter Scholz’ Nachfolger Friedrich Merz Bestand haben wird, beginnt gerade erst.

FAQ: Häufige Fragen zum Großen Zapfenstreich für Olaf Scholz

Wann fand der Große Zapfenstreich für Olaf Scholz statt? Die Zeremonie fand am Montagabend, 5. Mai 2025, auf dem Paradeplatz des Verteidigungsministeriums im Berliner Bendlerblock statt — einen Tag vor der Wahl von Friedrich Merz zum neuen Bundeskanzler.

Welche Musik wählte Olaf Scholz für seinen Zapfenstreich? Scholz wünschte sich drei Stücke: „In My Life” von den Beatles (1965), einen Auszug aus dem Zweiten Brandenburgischen Konzert von Johann Sebastian Bach sowie „Respect” von Aretha Franklin (1967). Die Stücke wurden vom Stabsmusikkorps der Bundeswehr für Blasorchester arrangiert.

Wer hielt die Festrede beim Zapfenstreich für Scholz? Verteidigungsminister Boris Pistorius hielt als Gastgeber die Festrede. Er bezeichnete Scholz als „Bundeskanzler der Zeitenwende” und würdigte dessen Entscheidungen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022. Ehrengast war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Warum gilt „Respect” von Aretha Franklin als politisch bedeutsam für Scholz? Das Wort „Respekt” war das zentrale Wahlkampfmotto der SPD sowohl 2021 als auch 2025. Franklin sang den Song ursprünglich als Forderung nach Gleichwertigkeit und Anerkennung — eine Bedeutungsebene, die in Verbindung mit Scholz’ Amtszeit als gescheiterter Kanzlerkandidat 2025 vieldeutig bleibt: Fordert er Respekt für seine Leistungen — oder zollt er ihn der Demokratie und den Bürgerinnen und Bürgern?

Welche Musikwünsche hatten Scholz’ Vorgänger beim Zapfenstreich? Angela Merkel ließ sich 2021 unter anderem mit Nina Hagens DDR-Hit „Du hast den Farbfilm vergessen” und Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen” verabschieden. Gerhard Schröder wählte 2005 Frank Sinatras „My Way” sowie die „Moritat von Mackie Messer” aus Brechts Dreigroschenoper. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ließ sich mit Deep Purples „Smoke on the Water” ehren.

Fazit

Der Große Zapfenstreich für Olaf Scholz war in seiner Wirkung stärker als erwartet — nicht wegen der Reden, nicht wegen der Prominenz auf der Tribüne, sondern wegen jener drei Minuten Musik, in denen ein politisch oft undurchdringlicher Mann sich selbst für alle sichtbar machte. Ein Beatles-Song über das Loslassen, ein Barock-Konzert über Demut und Unvollkommenheit, eine Soul-Hymne über verdientes Gehörtwerden: Selten hat eine Playlist mehr über einen Politiker gesagt als an diesem klaren Maiabend in Berlin. Was die Geschichte aus seiner Kanzlerschaft macht, liegt nun in anderen Händen.

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